Der wahre Grund, weshalb „Hereditary“ bei mir einen schalen Nachgeschmack hinterließ | Gedankenspiel [Gastbeitrag von Ainu89]

Vielen Dank an Mara aka Ainu89 für ihren tollen Beitrag zu meinem Halloween Special! 😊


Na gut, die Überschrift scheint ein wenig reißerisch aber eigentlich soll es in diesem Artikel nicht per se um den Film „Hereditary“ gehen; viel mehr möchte ich den Film als Beispiel für ein Phänomen heranziehen, welches ich seit einiger Zeit bei Horrorfilmen beobachte und welches mir leider viele meiner Sichtungen dieses Genres verdirbt. „Hereditary“ habe ich dabei aus zwei Gründen als Anschauungsmaterial zur Verdeutlichung meines Standpunktes genommen: erstens soll es hier nicht um irgendwelche null-acht-fünfzehn Vertreter des Genres gehen, sondern um jene besonderen und seltenen Perlen, die tatsächlich versuchen mit den Erwartungen des Publikums zu spielen und sich abseits von billigen Jump Scares und unmotiviert hingeklatschten Charakteren bewegen; zweitens ist es schlicht und ergreifend der aktuellste Film, der eben jenen erzählerischen Kniff beinhaltet, mit dem ich ein gewaltiges Problem habe. 

Bevor ich allerdings zu weiterführenden Erläuterungen ansetze, nenne ich das Kind einfach mal beim Namen: es geht um die Entscheidung mancher Autoren im letzten Drittel, oder manchmal sogar nur in den letzten 10 Minuten, alle zuvor etablierten Mysterien bis ins kleinste Detail aufzulösen. 

Das klingt jetzt etwas kryptisch, sogar beinahe nichtssagend und erklärt daher bereits ganz von selbst, weshalb ich einen Film als Beispiel benötige. Übrigens, da ich hier um meinen Standpunkt ausreichend zu erläutern auf wichtige Handlungselemente von „Hereditary“ im Detail eingehen werde, sei hiermit die obligatorische SPOILER-Warnung ausgesprochen. 

Grob umrissen geht es in dem Film um eine Familie, die nach dem Tod der Großmutter in einer Art kollektiver Trauerphase steckt. Wie üblich gehen alle Mitglieder ganz unterschiedlich mit dem Verlust um, doch speziell die noch im Kindesalter befindliche Enkelin legt plötzlich Verhaltensweisen an den Tag, die mehr als merkwürdig sind. Eines Tages geschieht ein weiteres Unglück und durch eine Verkettung von Ereignissen kommt eben jenes Kind ums Leben. Die Mutter, in ihrem Schmerz um ihre Mutter ebenso wie ihre Tochter in einer Art Lethargie gefangen, erhält eines Tages, durch eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter, die Möglichkeit mit ihrer verstorbenen Tochter zu kommunizieren und muss nur allzu schnell feststellen, dass dabei Familiengeheimnisse ans Licht kommen, die besser im Verborgenen geblieben wären, und dass eine Verbindung zum Totenreich immer mit Konsequenzen einhergeht. 

So generisch sich der Plot vielleicht anfangs liest, so sehr muss man „Hereditary“ dafür loben, dass er genau das nicht ist (also, zum größten Teil). Denn die meiste Zeit des Films hat der Zuschauer kaum eine Ahnung davon, welch wirre und schräge Dinge da auf der Leinwand vor sich gehen und wohin die wilde Fahrt überhaupt führen soll. Doch genau diese Unwissenheit ist das, was einen in seinen Bann zieht, was einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, was einem die Haare zu Berge stehen lässt. Weshalb baut das Mädchen sich eine Puppe aus einem toten Vogel, wieso schnalzt es immer so mit der Zunge, wer sind die ganzen Menschen auf der Beerdigung der Großmutter, die scheinbar nicht mal ihre Tochter kennt, was hat es mit den schrägen Dioramen auf sich, die die Mutter bastelt und woher kommt das frostig Verhältnis zwischen Mutter und Sohn??? All diese Fragen und mehr stellt sich der Zuschauer, während sich der Plot immer weiter von einem immersiven Drama hin zu einer abgedrehten Geschichte rund um einen bösen Dämon wandelt.

Dabei verrät er im Laufe der Zeit gerade genug, um die Vorstellungskraft und Kombinationsgabe des Publikums soweit anzufachen, dass sich die Theorien im Kopf nur so zu überschlagen beginnen. Doch dann, in den letzten 10 Minuten, treten die Macher in die meiner Meinung nach schlimmste Falle für einen Horrorfilm – sie lüften alle Geheimnisse in einer finalen Auflösung, die nur dazu dient dem Zuschauer klar und deutlich vor Augen zu führen, was das eben Gesehene genau zu bedeuten hatte. Und indem die Autoren sich dieser Methode bedienen, entschwindet plötzlich alles Unheimliche und ein eben noch grandioser Mindfuck-Horror verkommt zu einer generischen Mär über eine Dämon und ein paar seiner Anhänger. Noch schlimmer ist es, dass durch diese Entscheidung zur expliziten Aufklärung nicht nur das Ende ruiniert wird, sondern das solch ein Ende den gesamten Film rückblickend in Mitleidenschaft zieht. 

Aber ich werde schon wieder zu theoretisch, bleiben wir doch lieber am konkreten Beispiel und ich erzähle euch einfach, was am Ende des Films herauskommt: Die Großmutter gehörte einem satanischen Kult an, der einen Dämon aufgrund einer Prophezeiung mit Hilfe eines Gefäßes auf diese Welt bringen will. Der ursprüngliche Plan war es eigentlich dafür den erstgeborenen Enkel zu verwenden, aber da Mutter und Tochter damals ein sehr schwieriges Verhältnis miteinander hatten wurde daraus nichts. Um wieder Gutmachung zu leisten bekommt die Großmutter dafür ihre Enkelin nach deren Geburt in die Finger und verwendet diese ohne das Wissen der restlichen Familienmitglieder einstweilen als eine Art Übergangsgefäß. Nachdem alle schön in die vorgesehenen Bahnen gelenkt wurden und der Dämon alle Familienmitglieder bis auf das auserwählte männliche Gefäß vernichten konnte, bekommen wir eine letzte Einstellung in der alle Kultanhänger vor dem nun in menschlicher Gestalt existierende Dämon knien. 

Das war es, keine Fragen bleiben mehr offen, keine Mysterien im Dunkeln verborgen, auf jedes kleinste Geheimnis wird der Scheinwerfer gerichtet – und damit die Spannung, die Atmosphäre zerstört. Lasst es mich so umschreiben: viele Leute haben sich bei dem Film „Alien: Covenant“ darüber beschwert, dass man das Alien in einer Einstellung im hellen Tageslicht in seiner vollen Pracht zu sehen bekommt weil genau so etwas dem angsteinflößenden Part der Kreatur die Zähne zieht – und so ist es auch. Es ist das was wir nicht sehen, das was wir nicht verstehen, das was wir nicht erklären können, genau das, was uns die meiste Angst einjagt. Wenn man nun aber anfängt dem Zuschauer alles Vorzukauen und bis ins kleinste Detail offen zu legen, nimmt das dem Horror eben genau das – den Horror. 

Weshalb sich die Macher immer wieder dieses in meinen Augen fatalen Mittels bedienen, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht meinen sie, dass das Publikum nicht intelligent genug ist, um sich selbst einen Reim darauf zu machen? Vielleicht fürchten sie auch, dass das Publikum nicht intelligent genug ist, um einen Film zu mögen, der ein Mysterium bleibt? Vielleicht haben sie auch Angst davor, dass man ihnen vorwerfen könnte selber einfach keinen Plan gehabt zu haben und sie müssen dem Publikum so beweisen, dass dem nicht so ist? Wie gesagt, ich weiß es nicht…und werde es wohl auch nie verstehen. Das Einzige was ich weiß ist, dass es für mich weder ein guter Weg ist eine Geschichte zu erzählen noch sie enden zu lassen, und dass ich immer wieder traurig darüber bin, wie eine einzige schlechte Entscheidung einen ansonsten grandiosen Film ruinieren kann.           

3 comments

  1. Bin da zu 100% bei dir, dass es wahnsinnig schade ist, wenn Filme in jedem kleinsten Detail aufgelöst werden. Und das gilt nicht nur für Horrorfilme. Ist das Ende von „No Country for Old Men“ nicht gerade deshalb so grandios, weil man als Zuseher plötzlich mit einer kryptischen Traummetapher allein gelassen wird? Macht nicht gerade das Rätselhafte den Reiz von Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ aus? Ich kann dir übrigens einen deutschen Film empfehlen, der mich nachhaltig beeindruckt hat, weil er genau diesen Fehler, alles auflösen zu wollen, nicht gemacht hat – weshalb er auch lange im Gedächtnis geblieben ist: „Der Nachtmahr“ von AKIZ. Ein Film, der generell zwischen allen Genrestühlen sitzt. Solche mutigen Filme braucht es meiner Meinung nach mehr. Und ich glaube auch, dass es nicht am Publikum scheitert – das verträgt schon was.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für den Tipp, der Film steht tatsächlich schon in meinem Regal und wartet nur mehr auf seine Sichtung weil ich schon sehr viel gutes über den gehört hab 😊.
      Deine Beispiele für Filme, die es am Ende genau richtig machen, sind übrigens zwei die ich voll und ganz unterschreiben kann…ich brauche nicht jeden Kleinigkeit vorgekaut bekommen, ich kann ja auch mal meinen Kopf einfach einschalten 😉

      Gefällt 1 Person

  2. „….Es ist das was wir nicht sehen, das was wir nicht verstehen, das was wir nicht erklären können, genau das, was uns die meiste Angst einjagt. Wenn man nun aber anfängt dem Zuschauer alles Vorzukauen und bis ins kleinste Detail offen zu legen, nimmt das dem Horror eben genau das – den Horror. …“

    Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Da bedarf es eigentlich keinerlei weiteren Worte zu,

    Gefällt 1 Person

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